Am 11. Mai 2026 feiert das Hospiz am Aubach sein 15-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum richtet sich der Blick auf 15 Momente – große und kleine, leise und besondere. Erinnerungen an Menschen, die hier begleitet wurden.
Es beginnt mit einem Weihnachtsbaum. Im Jahr der Eröffnung wird er erstmals gemeinsam geschmückt. „Wie wollen Sie den Baum?“ wird ein Gast gefragt. „Rot und grün muss er sein“, antwortet er. So wird es gemacht, über viele Jahre hinweg. Selbst nach seinem Tod. Ein Moment, der zeigt, wie etwas Bleibendes entstehen kann.
Erinnerungen lassen sich auch über Geschmack wachrufen. Ein älterer Mann wünscht sich noch einmal süß-saure Eier. Es geht nicht nur ums Essen, sondern um ein Gefühl aus früheren Zeiten. Nach dem ersten Bissen sagt er leise: „Schmeckt wie bei meiner Mama.“
Eine junge Frau möchte einmal in ihrem Leben Champagner trinken. Ein Glas, ein kleiner Schluck und ein Lächeln: „Hätte ich gewusst, dass es so gut schmeckt, hätte ich es schon viel früher gemacht.“ Die Flasche wird später mit in ihren Sarg gelegt.
Ganz andere Sinne werden bei der Frau angesprochen, die „Captain Cook und seine singenden Saxophone“ liebt. Ihr Wunsch wird erfüllt: Die Band kommt ins Hospiz. Für einen Nachmittag wird die Küche zur Bühne. Sie strahlt, klatscht, ist ganz im Moment. Jemand sagt: „Sie ist die glücklichste Frau der Welt.“
Nicht alle Wünsche bleiben im Haus. An einem Sommertag fahren acht Gäste mit dem Wünschewagen nach Boltenhagen. Fischbrötchen, ein kühles Getränk, Sonne auf der Haut. Einer sieht zum ersten Mal die Ostsee, ein anderer wird mit dem Rollstuhl ins Wasser gefahren. Ein Tag voller Leichtigkeit.
Leicht wirkt auch der Tag im Garten des Hospizes: Eine Doppelhochzeit zweier Schwestern, eine davon selbst Gast im Hospiz. Die Zeremonie ist hell, fröhlich und voller Leben. Als sie später stirbt, wird sie in ihrem Brautkleid beigesetzt.
Manchmal geht es darum, einen wichtigen Moment mitzuerleben. Eine Mutter möchte unbedingt noch die Einschulung ihrer Tochter erleben. Zuhause ist das nicht mehr möglich. Also wird im Hospiz gefeiert – mit Torte, Hüpfburg und allem, was diesen Tag besonders macht.
Zwischen diesen lebendigen Momenten liegt immer wieder Stille. Eine Frau möchte die Sonne sehen und wird in ihrem Bett auf die Terrasse geschoben. Unter freiem Himmel stirbt sie – ruhig und im Licht.
Andere wiederum brauchen bis zuletzt das Leben um sich herum. Eine Frau möchte nicht allein in ihrem Zimmer sein, sondern mitten im Geschehen im Kaminzimmer nahe der Küche. Dort, wo Menschen kommen und gehen. Als sie stirbt, sind andere bei ihr – vertraute Gesichter und flüchtige Begleiter.
Ein letzter Blick geht ans Meer. Eine junge Frau mit Mann und zwei Kindern erfüllt sich ihren letzten Wunsch: noch einmal an die Ostsee. Der Wünschewagen bringt die Familie ans Meer. Wenig später stirbt sie, das Meer noch ganz nah. Für die Gäste, die diesen Weg nicht mehr schaffen, steht seit kurzem ein originaler Strandkorb aus Boltenhagen im Garten des Hospizes.
Auch das Abschiednehmen findet ihr eigene Formen. Familie und Freunde tragen den Sarg eines Mannes selbst hinaus, statt ihn vom Bestatter abholen zu lassen. Ein letzter Weg, getragen von Händen, die ihm nah waren.
Im Jahreslauf entstehen weitere kleine Bilder. Am ersten Advent werden vier Kerzen gleichzeitig angezündet. „Ich habe keine Zeit zu warten“, sagt ein Gast. Also wird das Warten aufgehoben.
Manche finden eigene Bilder für das, was kommt. In den ersten Jahren erhält jeder Gast eine kleine Glocke als Grabbeigabe. Eine Mutter kann das nicht einordnen. Ihre Tochter sagt: „Das ist doch ganz klar. Wenn sie bei der Himmelspforte ankommen, müssen sie klingeln.“
Diese Geschichte hat ihren Weg nach außen gefunden: Glocke und Erzählung sind heute im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zu sehen. Wie sie dorthin gelangt sind, bleibt offen.
Die Idee entsteht, die Türen im Hospiz mit Fotografien von „Schweriner Türen“ zu gestalten. Ein Messebauer erklärt sich bereit, dieses Vorhaben umzusetzen, und beklebt die Türen eigenhändig. Ein Jahr später kehrt er als Gast zurück und liegt im Zimmer mit der Domtür.
Und schließlich ein Moment, der für das Team eine besondere Bedeutung hat: Eine Kollegin entscheidet sich, ihre letzte Zeit im Hospiz zu verbringen. Ein großer Schritt – und ein Ausdruck tiefen Vertrauens in diesen Ort.
15 Jahre – 15 Momente. Hinter jedem einzelnen stehen unzählige weitere Geschichten, Begegnungen und leise Augenblicke. Wenn am 11. Mai gefeiert wird, kommen viele dieser Erinnerungen zusammen. Das Team backt bunte Kuchen – Lieblingskuchen von Gästen aus all den Jahren. Seit 15 Jahren ist das Hospiz am Aubach ein Ort, an dem Leben bis zuletzt Raum hat: mit Lachen, Nähe, Abschied und Stille.
